Wir schaffen das
„Grenzen sind dazu da, überschritten zu werden“, ist der begeisterte Schlachtruf derjenigen, die mit ihrer Überzeugung „alles muss möglich sein“, am Ende in der Erschöpfung enden. Die Orientierung am grenzenlosen Superlativ ist der klassische Mechanismus eines Burnouts“, so die Ärztin und Unternehmensberaterin. Grenzelose Leistung, grenzenloser Erfolg, grenzenlose Hilfsbereitschaft – all dies steht am Anfang einer grenzenlosen Erschöpfung. „Ob in Unternehmen oder auch gesellschaftspolitisch – Projekte scheitern viel weniger als angenommen, weil Prozesse nicht funktionieren, sondern weil das Miteinander nicht funktioniert. Betroffene können nicht zu Beteiligten gemacht werden, weil der Dialog zwischen Führung und Belegschaft fehlt. Nicht vorhandene Augenhöhe und grenzenlose Superlative der Führungskräfte führen zu Verkennung der Realitäten und zu falscher Zielsetzung. Erschöpfung und Widerstand der Belegschaft besiegeln das vorprogrammierte Scheitern.
Wir schaffen das, weil wir es schaffen müssen
Ob Mensch oder System – nichts ist unerschöpflich. Wer wesentliche Grenzen zu lange überschreitet, endet immer im Zusammenbruch. Wir schaffen nur das, wofür wir ausreichend Identität und genügend Substanz besitzen. „Mehr sein zu wollen, als man ist“, endet immer im Zusammenbruch. Wenn es nicht gelingt, den Realitäten auf Augenhöhe zu begegnen, setzt ein bekannter Mechanismus ein: Jedem Extrem folgt irgendwann das nächste und dies liegt meist im Gegenteil. So folgt nach dem grenzenlosen Ja irgendwann das erschöpfte oder wütende Nein. Der Euphorie folgt die Aggression oder erschöpfte Depression. War zuvor alles möglich, ist jetzt nichts mehr möglich. Leistungsträger brechen zusammen und fallen aus, auf wirtschaftliches Wachstum folgt die Insolvenz. Überall dort, wo wesentliche Grenzen überschritten, verleugnet und ignoriert werden, kommt früher oder später das bittere Erwachen – ob politisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich. Wenn Führung wesentliche Grenzen verleugnet, wird sich dies am Ende immer rächen – für alle Beteiligten. Je weiter die Grenze überschritten wird, umso größer sind die Verluste. „Hinter Wut steckt immer Hilflosigkeit und Angst. Je wütender man ist, desto hilfloser und persönlicher berührt ist man. Wut ist immer ein Verlust von Augenhöhe – sich selbst, der Situation und der anderen Person gegenüber.
Andere Skandale und Krisen folgen gleichem Prinzip
Mit den gleichen Mustern lassen sich auch die jüngsten Erkenntnisse rund um die Krise der Deutschen Bank, den Abgas-Skandal bei VW und die Korruptionsvorwürfe bezüglich einer möglicherweise unsauberen Vergabe der WM 2006 durch die FIFA erklären. Dr. Mirriam Prieß: „Auch hier haben die Beteiligten – Topmanagement, Vorgesetzte und Ausführende bei VW oder der Deutschen Bank – die Ebenen des Dialogs auf Augenhöhe verlassen und Grenzen einfach ignoriert. Der Superlativ verbietet jedes Nein und macht jeden Wert zunichte. Wir sind unfähig zu einem Nein an der richtigen Stelle, weil wir die Realitäten verkennen und mehr sein wollen, als wir sind. Deswegen ignorieren wir persönliche Grenzen, menschliche Grenzen, moralische Grenzen – so lange, bis wir an unsere Grenze kommen und zusammenbrechen.“
Echter Dialog auf Augenhöhe
Uns fehlt im Moment die Grundlage für erfolgreiches Krisenmanagement. Die Fähigkeit zur Kooperation, die Fähigkeit zum Dialog, die Fähigkeit zur Augenhöhe. Ohne Augenhöhe verlieren wir den Blick für die Realitäten, die Fähigkeit zu Grenzen und einem deutlichen Nein und den Bezug zu menschlichen Werten. Wenn es uns nicht gelingt, die Augenhöhe wieder einzunehmen – und zwar auch uns selbst gegenüber, dann werden wir immer mehr den Blick für die Realitäten verlieren und immer unfähiger, das richtige Maß zu finden, uns weiter in Wut erschöpfen und in Schuld und Anklage verlieren.
Kooperation als Grundlage
Wenn die Ebene, die zu einem Wir aufruft, selbst schon unfähig zu einem Wir und unfähig zur Augenhöhe ist, wenn schon dort der Dialog mit seinen entscheidenden Voraussetzungen fehlt, dann erlebt man – ob politisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich – immer wieder dasselbe Phänomen: Die Führungsebene verliert den Respekt der Belegschaft, das Projekt scheitert und mit diesem dann auch die Führung. Wir brauchen eine Dialogkultur, um Zeiten des Wandels zu überstehen und um Krisen zu meistern – für ein gesundes Wachstum. Und dafür brauchen wir dialogfähige Eliten/Persönlichkeiten, die zur Augenhöhe und zur Begegnung auf Augenhöhe fähig sind und dafür sorgen, dass diese Kultur in den Unternehmen und in der Gesellschaft zu einer stabilen – und notwendigen – Grundlage des Miteinanders wird.“